Oktoberfest-Fieber

Notizen aus der Diaspora (V)

Kühl und regnerisch begann der Samstag in München - und sollte es auch bleiben. Doch am traditionellen Spieltagsfrühstück führte kein Weg dran vorbei: Weißwurst mit Brez´n auf dem Viktualienmarkt waren wieder mal Pflicht, wobei ROB wie schon beim letzten Besuch als Einziger ein Weißbier dazu nahm, hah! Gut, der BOSS hatte schon leicht einen im Kragen, als er gegen 11.30h zu den anderen dazu stieß, zumindest hatte er ein ziemlich auffälliges, breites Grinsen auf dem Antlitz. Kein Wunder, wusste er doch zu berichten, dass sich die Dame des Hauses, wo er logierte, sich schon gegen acht Uhr früh aufgeregt in ihr Dirndl geworfen hatte, um Bier für das Frühstück zu besorgen - zu essen soll´s auch was gegeben haben. Als unser Käpt´n sich zum Viktualienmarkt verabschiedete, habe sich sein Kumpel - Tradition verpflichtet - mit besagter Dame auf den Weg zum Fassanstich auf der Wies´n gemacht.

Ganz so flüssig lief der Gerstensaft bei den Furchtbaren Fünf dann zunächst doch nicht. Erschwerend hinzu kam, dass die einschlägigen Bierlokale in der Innenstadt hoffnungslos überfüllt waren. Ob Augustiner oder Hofbräuhaus, keine Chance auf einen Platz. So landete die Vertretung des Roten Berlin nach einer Odyssee wieder an deren Ausgangspunkt: dem Viktualienmarkt. Der RIK steuerte dann sogleich eine ihm anheimelnd erscheinende Bude an, vor der offensichtlich der Betreiber gerade Stühle zurecht rückte. Offensichtlich passte dem aber nicht der Auftritt unseres Kumpanen, warum auch immer, und er knurrte ihm wie ein Wolpertinger zu: "Wo wollts iah dönn hi?". Damit verfehlte er nicht die gewollte Wirkung, denn der RIK stellte beleidigt fest, dass er am Besuch des Etablissements nun kein Interesse mehr habe.

Zum Glück fand sich am Rand des Viktualienmarktes ein Lokal mit ausschließlich freien Bänken davor, und so versuchten die Hauptstadt-Roten ihr Glück und nahmen einfach mal Platz. Selbstredend ging man davon aus, dass draußen gar keine Bedienung sei oder man anderweitig hemdsärmelig hinauskomplementiert würde, aber nichts dergleichen: ein freundlicher Herr und eine ebensolche Dame bedienten sie ganz zuvorkommend und selbstverständlich in Tracht. Wie überhaupt zum Oktoberfest, wen wundert´s, der Dirndl-Faktor in München noch deutlich höher ist als sonst schon.

Inzwischen hatte es sich eingeregnet und man rückte unter dem "Sonnenschirm" zusammen, um endlich mal wieder ein Bier zu trinken. Der BOSS spendierte eine "Bild" aus dem Zeitungskasten, die es ja in Hannover oder Berlin gar nicht gibt (dafür aber in Köln, natürlich, vom "Express" z.B.). Ombudsfrau RUT ließ in der Folge Milde walten angesichts der Heiterkeitsanfälle der männlichen Begleiter über das "Bild-Hammergirl", das seine Reparaturen augenscheinlich im denkbar unangebrachtesten Outfit, nämlich dem Evaskostüm, durchführte und diese mit allerhand schrecklich zweideutigen Tätigkeiten wie "Dübel rausfummeln" oder "Bohren" beschrieb.

Perlen der Wortspielkunst zierten auch den Sportteil, wo sich in Anspielung auf Yankovs Einsatz nach Penisverletzung ausgelassen wurde, der Bulgare sei ganz hart im Nehmen und "geil" auf das Spiel gegen Bayern und könne es gar nicht abwarten, Oliver Kahn "ein Ei" reinzulegen. Auch Per Mertesacker musste für die "Bild"-Prosa herhalten: "Schmuseacker" sei in der laufenden Saison ja noch ohne Foul, obwohl er im Nationalteam zuletzt ja zum "Merteshacker" mutiert sei, am Samstag aber würde es Roy Makaay wohl wieder mit "Fair Per" zu tun bekommen usw. usf. - aua, aua, aber wenn mittags schon die Lampen an sind, hat so etwas natürlich Unterhaltungswert. Auch die Schlagzeile "Diesmal 17 Tage Nationalrausch" in Anspielung auf das wegen des "Tags der deutschen Einheit" um einen Tag verlängerte Oktoberfest auf der Titelseite der "Münchner Abendzeitung" sorgte für entsprechendes Amüsement.

Mit fortschreitender Zeit war nun der TED auf den Plan gerufen, sein infames Wirken zu beginnen. Man muss nämlich wissen, dass er es überhaupt nicht vertragen kann, wenn er länger als fünf Minuten vor dem Anpfiff im Stadion ist. Also begann er die typischen Mätzchen ("ich hab´ gerade noch eins bestellt" bzw. "ich hab´ noch nicht ausgetrunken"), versicherte, es seien doch nur acht Stationen bis zum Stadion (es sind zwölf) und musste natürlich auch noch mal Zigaretten holen. Kurz: unseren V-Mann in München konnte zu diesem Zeitpunkt nichts mundtot machen (was auch sonst nur schwer zu erreichen ist) - bis auf die Tabakwarenverkäuferin, die, als sie des TED mitsamt seines Schals angesichtig wurde, diesen fragte: "Wöhr spuit denn geg´n die Bähern - Sssie?"

Am Marienplatz dann der Schreck: an der U-Bahn-Station Richtung Stadion standen die Leute Schlange bis zur Treppe hinauf und es ging kaum vorwärts - da waren es schätzungsweise noch 75 Minuten bis zum Anpfiff und vier Personen der fünfköpfigen Delegation wurden langsam unruhig. Da hatte ROB - in aller Bescheidenheit - eine geniale Idee: einfach mit der U-Bahn eine Station in entgegen gesetzter Richtung fahren und dort in den richtigen Zug einsteigen! Damit konnte sich auch der TED anfreunden ("Ach, wir haben noch so viel Zeit...") - um diese Uhrzeit erst mal vom Stadion wegzufahren, das war ganz nach seinem Geschmack, da konnte er gar nicht Nein sagen.

Gesagt, getan: eine Haltestelle in "falscher Richtung" zum Sendlinger Tor und dann umgestiegen. Dort fuhr den Furchtbaren Fünf der Zug Richtung Stadion allerdings vor der Nase weg. ROB wollte sich gerade fürchterlich aufregen und die MVV in eine Reihe mit BVG und Üstra stellen, da siegte dann doch die Einsicht, dass ein öffentlicher Nahverkehr wohl völlig zum Erliegen käme, wenn die U-Bahnen auch noch auf die Züge in Gegenrichtung warten würden, weil darin eventuell Fahrgäste sein könnten, die absichtlich...kurz: ROBs Idee war einfach zu genial für einen schnöden Fahrplan. Für derlei Gedanken blieb aber auch nicht viel Zeit, denn die nächste U-Bahn rollte bereits ein. Die fünf Helden bestiegen den leeren Wagen und konnten sich in Ruhe einen Sitzplatz suchen, bevor es am Marienplatz zum Bersten voll wurde.

Im Stehen wäre die Fahrt wohl nur halb so lustig gewesen, mussten sich die Fahrgäste doch eng an eng im zunehmend stickigen Abteil gedulden. Die Station Fröttmaning ist dann so weit draußen, das die U-Bahn längst wieder oberirdisch fährt, Und tatsächlich war dann in der Ferne auch das Schlauchboot schon zu sehen, also die Allianz-Arena, mitten auf der Wiese, direkt an einer Autobahnabfahrt und neben einer Müllverbrennungsanlage. Im Gänsemarsch mit tausenden anderer Fans wurde der Anmarsch zum kleinen Geduldsspiel, obendrein erwies sich das Terrain als äußerst unfreundlich für das Pinkeln in der Öffentlichkeit. Der übermäßige Drang übermannte im wahrsten Sinne des Wortes viele dann doch, irgendwo auf dem Präsentierteller zu strullen. Doch was sollten erst die Damen sagen? Die RUT brachte deutlich ihre Beschwerde zum Ausdruck, doch brauchte sie nicht mit der Solidarität der anderen vier "Berliner" zu rechnen. Sicherlich wird die Wiese mal in nächster Zeit um ein, zwei Meter abgetragen werden müssen wegen eines extrem hohen Harnsäuregehalts im Boden, aber praktisch ist ja dabei: einfach über den Zaun geschaufelt und schon kann man den ganzen Mulch sachgemäß verbrennen.

Auf dem Weg also zur Luxusbude der Bayern konnten die Fünf allerdings auch feststellen, dass sich dem Rekordmeister nicht bloß einkommensstarke Yuppies verbunden fühlen, sondern durchaus von handfesten Prolos supportet wird. Ein im Rücken der Hauptstadt-Abordnung gehendes Grüppchen etwa skandierte und sang unentwegt, und zwar als Refrain der Litanei immer wieder: "Gie-sin-ger Arsch-lö-cher" (in Anspielung auf die Herkunft des TSV 1860 aus dem gleichnamigen Stadtteil). Dazwischen, da Hannover 96 wohl weit entfernt davon ist, irgendein Feindbild für den gemeinen Bayern-Fan herzugeben, wurde dann etwa das nicht besonders türkeifreundliche "Galata-, Galata- etc." zur Melodie von "Jingle Bells" angestimmt, das man auch öfters im Umfeld von Hertha-Spielen vernehmen kann. Und dann endlich mal was reelles: "Hannoooover is´ ´ne Zeckenstadt...", und das auch noch zum Background der bayrischen Nationalhymne "Ja, mir son mi´m Radl do". Ja, in diesem Fall fühlte man sich doch ganz gerne angesprochen.

Der TED konnte sich jedenfalls getrost als Sieger fühlen, denn als die Gruppe vor dem Stadion entlang hastete, wurden drinnen bereits die Aufstellungen verkündet. Es musste nur noch eine gewaltige Treppensteigung genommen werden und drin war man in der neuen Schüssel. Das Stadion ist zwar eine reine Fußball-Arena, wenn man aber z.B. einen Sitzplatz für 20 Euro hat, sitzt man dennoch etwa 30, 40 Meter vom Geschehen weg - oder besser gesagt drüber, was der Atmosphäre auch nicht gerade förderlich ist. Der Gästeblock zog sich wie ein schmales Band am oberen Rand durch das Stadion, und da die Roten Berliner eher an der Seite saßen, konnte man den harten Kern gar nicht richtig hören. So entstand eine etwas unwirkliche Stimmung...

Lesen Sie beim nächsten Mal endlich, wie Fußball gespielt wurde, Brezelwoman im Hofbräuhaus immer noch vergebens wartete und das Oktoberfest aufgesucht wurde