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Oktoberfest-Fieber

Notizen aus der Diaspora (IV)

Schöne AussichtEtwa fünfzehn Minuten Fußweg sind es vom Hauptbahnhof München zur Wohnung des TED in der Max-Vorstadt. Nach kurzer Begutachtung der Räumlichkeiten und der Feststellung, dass vier Leute ohne die Nutzung von Balkon und Badewanne Platz genug zum Nächtigen haben würden, wurde nicht lange gefackelt: da ab abends schlechteres Wetter angesagt war und der Pflichtbesuch im Biergarten doch möglichst ungetrübt über die Bühne gehen sollte, machten sich die Fantastischen Fünf alsbald auf den Weg in den Englischen Garten. Unterwegs passierte die Abordnung einen Buchladen, in dessen Auslage verschiedene Duden-Ausgaben präsentiert wurden. Das brachte den BOSS auf die Idee, eine noch nicht beantwortete Frage zu klären. Der TED verstand nicht ganz, worum es ging, woher auch, jedenfalls verschwanden der Häuptling, RIK und RUT in dem Laden, während ROB zunächst die Ansichtskarten studierte. Dann fiel ihm der Laden nebenan auf, eine Filiale von "Vinzenz Murr - Fleischwaren", und der TED machte ihn sogleich darauf aufmerksam, dass besagter Murr kein Getränkehändler sei. Dies hatte ROB nach dem letzten Besuch in München an dieser Stelle behauptet, nachdem er die Firmenzentrale nahe des alten Wohnsitzes des TED in Obersendling (oder Untersendling?) an der Boschetsrieder Straße unweit von "Tip-Top Stahlgruber" gesehen hatte. Sah halt aus wie das Gelände eines Getränkegroßhandels, nirgendwo ein einziger Fetzen Fleisch zu sehen, allerdings auch keine einzige Flasche. Was soll´s, vor dem kleinen Ladengeschäft wurde also jedweder Zweifel ausgeräumt, wurden doch Spezereien wie Wollwürste ("Ideal zum Anbräunen") und etwa "Saure Lunge" feilgeboten, kurz: nach zum Trinken hörte sich das nicht an und sah´s erst recht nicht aus. Doch positiv gesehen ließ sich der Kasus Murr immerhin nun zu den Akten legen mit dem Vermerk: "Historisches Missverständnis ausgeräumt!"

Die anderen Drei hatten inzwischen den Buchladen wieder verlassen und der BOSS raunte triumphierend im Vorbeigehen: "Den Menschen betreffend!" ROB allerdings war noch von der sauren Lunge abgelenkt und musste noch mal nachfragen: "Was?" "Den Menschen betreffend", wiederholte sich das Oberhaupt, erkannte allerdings an ROBs ausdrucksarmem Gesicht, dass eine weitere Erklärung vonnöten war und schob gewohnt knapp hinterher: "Phyletisch..." Da fiel das 10-Cent-Stück (´n Jroschen is´ det ja ooch nich meah, is do allet doppelt so teua jewor´n!): deswegen war ja überhaupt der Buchladen geentert worden. "Den Menschen betreffend" - mit dieser Erklärung fühlte sich ROB nach reiferer Überlegung allerdings auch nicht viel schlauer als vorher. Der BOSS aber, der immer darum bemüht ist, seinen schwer erziehbaren Schäfchen auch etwas Bleibendes mitzugeben, ruhte nicht und organisierte nach Abschluss der Reise eine etwa dreiseitige Abhandlung zum Thema "phyletisch" bei wikipedia.de und stellte sie ins Interne Forum dieser Seite. Die muss ROB allerdings noch lesen, sonst ist die Versetzung gefährdet, oder vielleicht droht sie sogar und er muss "Das Rote Cottbus" vor Ort aufbauen...

In jedem Fall konnte nun zum geselligen Teil des Abends übergegangen werden. Die Lokalität im Englischen Garten war bereits gut besucht, als "Das Rote Berlin" gegen 17 Uhr 30 dort aufschlug und der Himmel war auch schon nicht mehr weiß-blau sondern eher so grau wie die ehemaligen 96-Auswärtstrikots. Doch der TED erklärte den "Zug´reisten", dass ein solcher Himmel in München nicht unbedingt etwas zu bedeuten hat, was die Berliner Runde aber mit Skepsis vernahm, hatte sie doch schon fast die gesamte Reise Schmuddelwetter begleitet. Doch der Hunger vertrieb weitere Gedanken, oder vielmehr die Einsicht in die Notwendigkeit, etwas Festes zu sich zu nehmen bei dem, was ziemlich sicher noch bevor stand.

Die Schlange vor der Essensausgabe hatte sich just in dem Moment neu gebildet, als die hungrigen Gesellen sich ebenfalls anstellen wollten. Die bereits anwesenden Herrschaften hatten sich nach Meinung der Fantastischen Fünf allerdings von der falschen Seite her angestellt, worauf sie sich zunächst von der anderen her aufreihten, sich dann aber der Masse der anderen Gruppe beugten und mit einer kollektiven Körpertäuschung sich wieder auf der anderen Seite zu gruppieren gedachten. Dadurch kam es vor dem Tresen zu einer kurzfristigen, aber ordentlichen Rudelbildung von Personen mit Tabletts, die das Personal zunehmend argwöhnisch betrachtete, da sich die weiteren Neuankömmlinge brav hinzu gesellten. Und kaum hatte ROB als Letzter der Gruppe seinen Schweinsrollbraten mit Country Potatoes in Empfang genommen, da fing ein grantelnder Grillmeister hinter dem Tresen bereits zu mosern an und fuchtelte dabei mit seinem Werkzeug herum: "Ssso, jetzt stellt´s Euch oba mo wiader rrrichtik rrrum ahn!" Die anschließenden verständnislosen Blicke der angesprochen Touristen aus Amerika, Asien, Preußen oder sonst woher brachten den Wüterich dann aber erst richtig auf die Palme: "Ja, wos? Schaut´s ma net ssso ahn!"

Die Predigt verfehlte nicht ihre Wirkung und alle reihten sich wieder andersrum auf, was die Fünf nur darin bestätigte, eigentlich von Anfang an das Richtige gewollt zu haben, dann aber plötzlich zum Sündenbock geworden zu sein, weil man sich der falschen Seite zur Vermeidung chaotischer Zustände angeschlossen hatte. Das ganze Durcheinander wurde noch begünstigt durch die Tatsache, dass offensichtlich niemand am Ort seinen Nächsten richtig verstand. Niemand von den Touristen, die nur in ihrer eigenen Gruppe zu kommunizieren wussten, verstand die Bayern richtig, und den Eingeborenen ging´s genauso, wenn die Gäste ihre Bestellung kompliziert auszusprechender Menüs aufgeben wollten. Oder hat man schon mal einen Amerikaner, Asiaten oder Preußen "zwei Fleischpflanzerl und einmal O´bazda mit Breze" fehlerfrei aussprechen hören? Na ja, zur Not half immer noch draufzuzeigen und anschließend die gewünschte Anzahl an Portionen mit der entsprechenden Anzahl von erhobenen Fingern zu vermitteln.

Schöne AussichtÜberhaupt schien zu dieser noch durchaus frühen Stunde die Kommunikation eines Großteils der anwesenden Gäste allerhöchstens zweitrangig zu sein, da sie offensichtlich schon länger in diesem Biergarten saßen und fleißig getan hatten, was man dort eben so tut. Eine Blaskapelle spielte selbstredend zum kollektiven Umtrunk auf, was besonders die wahrscheinlich australische Reisegruppe euphorisierte, allen voran die Damen, die lauthals mit Reibeisenstimmen Gesänge anstimmten oder mitgröhlten, wenn beispielsweise der Biergarten-Dauerbrenner "Ein Prosit, ein Prosit..." von der Band intoniert wurde.

Die Fünf stärkten sich also an Leberkäs´ (der BOSS, RIK + RUT), Fleischpflanzerl (TED) und besagtem Braten mit Kartoffeln (ROB). Der RIK versuchte noch, die Country Potatoes madig zu machen und behauptete, nach dem Genuss einer von ihnen, einen hartnäckig ranzigen Geschmack im Munde zu verspüren, doch der ROB ließ sich davon nicht beirren. Allerdings erwies sich die Portion als zu mächtig, und dass keiner der anderen von seinen übrig gebliebenen Kartoffeln kosten wollte, war sicher zu einem großen Teil auf RIKs Hetzpropaganda zurückzuführen. Auf jeden Fall aber war die Grundlage gelegt und man konnte sich an die Maß´ ranmachen, die hier 7,20 Euro kostete, was umgerechnet auf den halben Liter ja gar nicht mal so dramatisch ist.

Das bunte Treiben im Biergarten mit Hochzeitspaaren in Kutschen und Sportvereinen in Trikots wurde dann aber doch noch durch einen kräftigen Regenguss gestört. Kaum hatte es begonnen, etwas heftiger zu regnen, gingen auch schon an sämtlichen Tresen die Jalousien runter - da konnten wohl welche ihren Feierabend gar nicht abwarten. Der Großteil der Biergarten-Gesellschaft suchte Schutz unter dem Turm, in dessen erster Etage die Blaskapelle auch schon lange Schluss gemacht hatte. Da die Wetteraussicht weiter trüb blieb, entschlossen sich die mittlerweile Vier - der BOSS hatte sich auf den Weg zu seinem Kumpel mit dem Schlafplatz gemacht und eine spätere Reunion in Aussicht gestellt -, eine Regenpause zur Flucht aus dem Feuchtgebiet Englischer Garten zu nutzen.

Die Kneipe, die sie dann aufsuchten, war den Roten Berlinern (bis auf die RUT, die war ja letztes Mal nicht mit dabei) bereits bekannt und in zwiespältiger Erinnerung: auch dieses Mal war sie wieder zu hell und etwas zu sauber und schick, doch der TED beteuerte, dass Schwabing nix Wilderes zu bieten habe. Aber sie erfüllte den dringlichsten Zweck, nämlich den Pegel zu halten. Verschleißerscheinungen blieben natürlich nicht aus, so lieferten sich TED und ROB eine quälend lange Diskussion zum Thema "Polizeieinsätze gegen Fußballfans". Der ROB war denn auch keinen Fußbreit von seiner Meinung abzubringen, bis der RIK anmerkte, er habe den Eindruck, wir würden seit zwei Stunden (inzwischen war auch der BOSS mit seinem Kumpel aufgekreuzt) labern, wären dabei aber irgendwie nicht weiter gekommen. Mit der Zeit hatte er übrigens sogar Recht, und ROB gelobte Besserung für den Rest des Abends.

Ob er das auch in die Tat umsetzen konnte, ist ihm allerdings nicht mehr so geläufig, zu nebulös war seine Wahrnehmung der Dinge geworden, nur dieses Gefühl der Erleichterung beim Verlassen der Kneipe. Keine Frage, er hatte den Zustand erreicht, in dem er umgehend einschläft, sobald er sich in die Horizontale begibt - so muss es auch gewesen sein, als er sich wie auch immer in den Schlafsack befördert hatte.

Zumindest war ROB am nächsten Tag vorschriftsmäßig in ihm erwacht, gequält von diesem unheiligen Kopfschmerz, der ihn an etwas erinnerte: den letzten München-Besuch! Zumindest der Instinkt funktionierte aber noch und er fragte die RUT, ob sie nicht vielleicht Aspirin dabei habe, denn Frauen haben doch immer die ungewöhnlichsten Sachen bei sich. Und wahrlich, sie hatte: selbstlos gab sie ihm eine ihrer letzten Brausetabletten ab, obwohl sie sie auf dem Viktualienmarkt wohl gegen eine Eigentumswohnung zumindest in Hintertupfing losgeworden wäre. Verfluchtes Helles...

Doch irgendwo in der Stadt hatte der Oberbürgermeister bereits vor tausenden Verrückten ein Bierfass angestochen und die größte Bierparty der Welt eröffnet. Es gab kein Entrinnen...

Beim nächsten Mal lesen Sie, wie der erste Härtetest des Tages überraschend mühelos bewältigt wurde, wie Brezelwoman vergebens sehnsüchtig auf die Roten Berliner wartete, ach ja, und Fußball - wenn man das so bezeichnen möchte - wurde ja auch noch gespielt.

Demnächst an dieser Stelle...!