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Oktoberfest-Fieber

Notizen aus der Diaspora (III)

So also verließ der Zug das Paradies zu Jenas Hauptbahnhof, an Bord die Furchtbaren Vier von "Das Rote Berlin". Er war vielleicht gerade eine Minute in Bewegung, als der RIK ausrief: "Guck mal, da is´ ja auch das S-tadi-on!" Tatsächlich, zwischen dem Gesträuch am Wegesrand war die Heimstatt des FC Carl Zeiss deutlich zu erkennen und vor allem dieser charakteristische grüne Hügel, der sich dahinter befindet. Doch der RIK ahnte gar nicht, was er mit seinem Hinweis bei ROB auslöste, quasi vom Paradies in die Hölle in einer Minute, denn genau an jenem Ort war er Zeuge gewesen, wie die Roten ihre allerletzte Chance auf den Klassenerhalt verspielten und zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in den Orkus der Drittklassigkeit hinabstiegen. Ein historischer Moment also der negativsten Sorte, der sogar Inspiration für einen Song mit dem Titel "Debakel" der sagenumwobenen Berliner Punkband "Getränke Hoffmann" wurde ("Im Fan-Bus über die Autobahn // Heute geht´s um alles oder nichts // Hunderte von Kilometern gefahr´n // Kaum im Stadion, schlägt´s gleich furchtbar ein..."). Die letzte Textzeile bezog sich im übrigen darauf, dass die Roten in diesem Spiel der letzten Chance bereits nach zehn Minuten mit 0:2 hinten lagen, was das gebeutelte letzte Aufgebot des 96-Anhangs in ein endgültiges Gefühl der Hoffnungslosigkeit stürzte - am Ende setzte es ein 1:4.

Doch ROB zog sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf dumpfer Verzweiflung: schließlich hatte Hannover 96 aus diesen Niederungen einen unaufhaltsamen Aufstieg genommen, der den Verein nunmehr zehn Jahre nach dem Super-GAU zu einem festen Bestandteil der Fußball-Bundesliga hat werden lassen. War er noch zum ersten Spiel in der Drittklassigkeit 96/97 mit einem von seiner Schwägerin geliehen Wagen allein ins emsländische Herzlake gefahren, so reiste er jetzt in Begleitung von drei weiteren Fans im ICE zum Spiel nach München, um dem großen FC Bayern endlich mal die Krachlederne aufzureißen.

Angesichts dieser Erkenntnis gelobte ROB vor sich selbst - die anderen hätten ihm sowieso nicht geglaubt -, nicht mehr so negativ im Zusammenhang mit den Roten zu denken. Und während auf diese Weise vor seinem inneren Auge die Sonne aufging, bahnte sich der ICE den Weg entlang der Saale durch den thüringischen Regenwald in immer trübere und nebligere Sphären. Zeitweise beschlugen gar die Fenster, sodass man nicht mal mehr hinausschauen konnte. Ein Anruf des TED aus München versprach zwar kein besonders warmes, aber immerhin doch sonniges Wetter für unsere Ankunft an der Isar. Mehr war nicht drin, denn die ICE-Strecke Berlin-München ist ein einziges Funkloch und die wiederholten Versuche unseres Münchner Abgesandten scheiterten bereits an der Begrüßung, wodurch ROB sich gezwungen sah, den Kontakt mit aussagearmen SMS-Botschaften aufrecht zu halten: "Saalfeld (Saale) - ächz!" (z.B.)

Doch irgendwann gelang den Hauptstadt-Roten der Durchbruch in den Westen. Unbemerkt, da soweit das Auge reichte, sich grüne Hügellandschaft erstreckte, und wegen mangelhaft erhaltenen Wissens aus dem Heimatkunde-Unterricht ("Ludwigstadt? Nie jehört..." oder "Wat? Lichtenfels is´ im Westen?"). Spätestens in Bamberg allerdings war der letzte Zweifel ausgeräumt und über Erlangen flog der Zug förmlich gen Nürnberg. Der TED hatte nicht gelogen, schon in Franken hatte "Das Rote Berlin" den Regen hinter sich gelassen, allein: die Reisegeschwindigkeit konnte weiterhin nicht der Grund sein, wahrscheinlich hatten sich die Wolken im Hügelland Thüringens ordentlich verfranzt und mussten erst noch nach dem Weg fragen ("Rüschtung wat? Ludwigstadt? Nie jehört...!").

Am Bahnhof der Lebkuchenstadt erwartete die Reisedelegation dann eine erneute Überraschung, die allerdings nur für ein Mitglied dieser negative Folgen haben sollte. Denn ebenso unverständlicher Weise wie in Leipzig gibt es auch in Nürnberg einen Kopfbahnhof - nur dass der in der sächsischen Messestadt weithin bekannt ist, der in der fränkischen Hauptstadt aber auch den Furchtbaren Vier komplett neu war. Vielleicht lag es aber auch nur an den Bauarbeiten, die dort stattfanden, jedenfalls setzte "Das Rote Berlin" die Fahrt jetzt wieder in umgekehrter Richtung fort, d.h. genau gesagt entgegen gesetzt zu der Richtung zwischen Leipzig und Nürnberg, aber natürlich so wie zwischen Berlin und Leipzig. Oder ganz plastisch gesagt: ROB fuhr jetzt wieder als Einziger verkehrt rum, fühlte sich aber schon viel zu matt, um daraus Verschwörungstheorien abzuleiten.

Von Nürnberg aus setzt sich die Fahrt dann nicht ganz kerzengerade fort, sondern die Bahn macht noch einen Schlenker über Augsburg, das von den Gleisen aus gesehen lediglich mit einem riesengroßen Gebäude in Form eines Maiskolbens aufwarten kann. Oder war es doch mehr ein Tannenzapfen? So auf den Kopf gestellt, so? Hmm, na ja...weit erfreulicher und interessanter stellte sich nun allerdings das Wetter dar, das zunehmend von Sonnenschein dominiert wurde. Eine weitere Dreiviertelstunde, und "Das Rote Berlin - Kommando München" näherte sich dem ersten Etappenziel: über Pasing rollte der Zug am Hauptbahnhof der Weißwurst-Metropole ein. Sechs Stunden und 47 Minuten (incl. fünf Minuten Verspätung) Fahrtzeit lagen hinter den Vieren, die sich über diejenigen Mitreisenden amüsierten, die womöglich vom Startort Hamburg - ja, der ICE hatte tatsächlich in Hamburg seine Reise begonnen - an dabei waren und dann ca. achteinhalb Stunden im Gesäß hatten.

Wie dem auch war: am Bahnhof jedenfalls sollte die finale Fusion stattfinden, die aus den Furchtbaren Vier und TED vorübergehend das explosivste Quintett seit Ni- und tro- gly- ze- rin machte. Wobei der BOSS sich bei einem Kumpel einquartiert hatte, denn der TED hatte bereist vorgewarnt, dass seine Räumlichkeiten derart beengt seien, dass, wenn erst mal alle Rabauken drin sein, man möglicherweise nicht mehr rauskommen würde! Bei der Erstbesichtigung stellte sich dann heraus, dass die Bude wie gemacht für vier Leute war! Alles bleibemäßig geritzt und Klamotten abgeladen, machten sie sich schon wieder auf den Weg, die Fantastischen Fünf. Wer wusste schon, wie lange das Wetter halten würde? Also auf in den Biergarten...

Lesen Sie im vierten: die ganze Wahrheit über Vinzenz Murr, die ersten erfolgreich gestarteten Störmanöver im Biergarten und wie eine Aspirin-Besitzerin es zu schnellem Reichtum hätte bringen können.

Demnächst an dieser Stelle...!