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Oktoberfest-Fieber

Notizen aus der Diaspora (II)

Berlin - Jena Oder: "Noch nicht mal die Hälfte!"
Berlin Ostbahnhof 16.09.05 ab 08:29 2 ICE 1515 InterCityExpress Bord Restaurant Lutherstadt Wittenberg ab 09:28 Leipzig Hbf ab 10:11 Naumburg(Saale)Hbf ab 10:45 Jena Paradies ab 11:11 Saalfeld(Saale) ab 11:43 Lichtenfels ab 12:33 Bamberg ab 12:51 Erlangen ab 13:10 Nürnberg Hbf ab 13:30 Augsburg Hbf ab 14:34 München-Pasing München Hbf 30.09.05 an 15:11 13 Dauer: 6:42

Ja, die Auskunft der Deutschen Bahn verdeutlicht, wie man für eine Strecke von 675 Bahnkilometern 6:42h benötigt, was ja ziemlich genau einhundert Stundenkilometer Fahrtgeschwindigkeit im Durchschnitt ergibt. Was wiederum bedeutet, dass auf dieser Strecke gut und gerne ein Intercity fahren könnte oder das, was früher wohl InterRegio hieß und ganz früher mal D-Zug. Doch die Bahn ist natürlich um größtmöglichen Komfort bemüht und setzt auf der Strecke einen ICE ein, der dann chronisch unterfordert das Schienennetz entlang tuckert und lediglich in Thüringen, wo sich die Gleise durch die hügelige Landschaft an die Saale schmiegen, mit seiner Neigetechnik glänzen kann, die allerdings - kein Vorteil ohne Nachteil - empfindlichen Reisezeitgenossen auf den Magen schlagen kann. Nun ja.

Der BOSS jedenfalls meinte, dass die Verbindung von Berlin nach München über Hannover gar eine halbe Stunde schneller, wegen der größeren Distanz aber um so teurer sei - aber das sagt ja schon einiges. Wenn man dann jedenfalls so viel Zeit hat, kann man natürlich lang und schmutzig darüber sinnieren, wo man da mit dem Flugzeug überall hinkäme, z.B. nach New York oder Indien. Da der Zug aber schon früh am Tag von Berlin abfuhr, beschäftigten uns diese Gedanken nicht allzu sehr. Die Zeit wurde vielmehr mit Essen, Zeitung lesen und in die Landschaft glotzen verbracht. Lediglich der BOSS brachte es eine geraume Zeit zu einer sinnvolleren Betätigung, als er in seinen vier (!) aus der Bibliothek ausgeliehenen München-Reiseführern blätterte. Getrunken wurde selbstverständlich auch, angesichts der Tageszeit und dem uns in der bayrischen Landeshauptstadt zu erwartenden Bier-Tsunami allerdings lediglich Kaffee und Softdrinks.

Einen ersten Aha-Effekt bescherte der Reisegesellschaft der Bahnhof in Leipzig, von dem aus die Fahrt in umgekehrter Fahrtrichtung fortgesetzt wurde. Zwar ist es nicht wirklich schlimm, mit dem Rücken zu dieser zu sitzen, dennoch konnte sich ROB ein hämisches Gefühl nicht verkneifen, nachdem er beim "Reise-nach-Jerusalem"-Spiel am Berliner Ostbahnhof zunächst als einziger und völlig unnachvollziehbar einen Sitzplatz gegen die Fahrtrichtung bekommen hatte, was ihn wiederum bis Leipzig in der Annahme bestätigte, dass die Welt nicht nur etwas gegen ihn habe, sondern das auch noch ausschließlich. Ab Leipzig kam dieser Gedanke allerdings ins Wanken, schließlich war er der einzige Gewinner des "Richtung wechsle Dich" und bescherte ihm ein durch und durch kindisches Behagen, was sich am besten mit dem Ausdruck "Ätsch!" in Verbindung bringen lässt.

Nächster Aufreger: Bahnhof Jena Paradies! Was für ein Name für einen Bahnhof! Dass dieses, also das Paradies, ein lediglich kleiner Ort ist, bestätigte sich den Reisenden bei der Ankunft in der Carl-Zeiss-Stadt. Nur zwei Gleise müssen für den Bahnverkehr ausreichen, was sicherlich auch an dem hügeligen Terrain liegt, in das die Stadt gebettet ist. Das OBI-Gartenparadies, das sich bei der Einfahrt nach Jena am Wegesrand präsentierte, entpuppte sich jedenfalls als ungefähr hundertmal so groß. Dafür kann man von ihm aus nicht einen Blick auf das Phyletische Museum, das dem Bahnhof Jena Paradies quasi gegenüber liegt, werfen. Besagtes Gebäude ist nämlich nicht nur von ansehnlicher Architektur, sondern es stimmt den Reisenden obendrein auch nachdenklich. Er wird gewissermaßen gefesselt von dem Gedanken: Was zum Teufel ist phyletisch?

Doch allzu lang hielt der Zug auch nicht im Paradies, und die Fahrgäste nach München versanken einen Moment in Trübsal ob der Erkenntnis, dass der Zug von dort bis an seinen Bestimmungsort noch schlappe vier Stunden benötigen würde, was wiederum die planmäßige Abfahrtszeit 11:11 ab Paradies ebenso närrisch wie treffend erscheinen ließ. Oh, dit reimt sich ja sojar...!

Lesen sie im zweiten Teil, wie die Abordnung des Roten Berlins durch die Wolken fuhr, wie sie schneller als der Regen wurden (zumindest etwas) und warum der Nürnberger Hauptbahnhof vorübergehende Wende-Gewinner wieder zu den alten Verlierern werden lässt.

Demnächst an dieser Stelle...!