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Oktoberfest-Fieber

Notizen aus der Diaspora (I)

Seit unser Mitglied TED der Arbeit wegen nach München gezogen ist, sind die Besuche einer Abordnung des Roten Berlins bei Gastspielen von 96 an der Isar quasi Pflicht. So kam es am Wochenende des 6. November 2004 zu einem ersten, denkwürdigen Besuch - mehr allerdings wegen der Aktivitäten am Rande des Spiels (siehe "ROB", Archiv 2004/05, "Schnell abhaken", Abschnitt "Nur 48 Stunden"), denn die Partie gegen den FC Bayern ging ja bekanntermaßen 0:3 verloren. Leider haben uns die Sechz´ger in der Zwischenzeit nicht den Gefallen getan, wieder in die Bundesliga aufzusteigen - die Chance auf ein Erfolgserlebnis wäre doch ungleich größer als gegen die Großkopfeten von der Säbener Straße. Doch der rote Fanclub aus der Hauptstadt nimmt´s, wie´s kommt und macht sich am Freitag auf den Weg nach München - vermutlich nicht ganz alleine...

Die Anschaffung der gewünschten Stehplatz-Tickets erwies sich im Vorfeld leider als unmöglich, da das FIRST-Reisebüro diese nur in Verbindung mit Fahrkarten für den Sonderzug von Hannover nach München verkauft. Auf persönliche Nachfrage, dass wir mit einem solchen Zugticket wenig anzufangen wüssten, konnte uns dann auch nicht weiter geholfen werden - u. a. wohl auch, weil man bei FIRST mit einem 96-Fanclub aus Berlin nichts anzufangen wusste. So wurden also die "günstigeren" Sitzplätze zu 22,- Euro das Stück eingekauft und auf eigene Faust sogar noch ein mehr als akzeptabler Supersparpreis geschossen (Berlin-München hin und zurück für knapp 60 Mücken). Die Fahrzeit beträgt allerdings fast sieben Stunden - laut Auskunft mit einem ICE. Das ist wohl der Unterschied zu der Hochgeschwindigkeitstrasse Hannover-München, auf der man schon in knapp fünf Stunden in der bayrischen Landeshauptstadt sein kann. Unser Intercity "Express" muss unterwegs allerdings in Naumburg, Regensburg usw. halten, dafür fährt er aber auch durch Paradies und stoppt dort sogar. Die Herren vom Roten Berlin werden allerdings keine Augen haben für den Bahnhof gleichen Namens im thüringischen Jena, sondern direkt weiter fahren, immer Richtung Hölle...

Schließlich erwartet die Anhänger der Roten nicht nur ein schweres Bundesligamatch, sondern auch noch die Eröffnung des Oktoberfests - in der Stadt wird also Ausnahmezustand herrschen. Immerhin dürften die 96-Fans aber im Getümmel weniger auffallen als vielleicht noch beim Weltjugendtag anlässlich des DFB-Pokalspiels in Köln. Neben der Bundestagswahl am Sonntag, scheint´s, ist die Eröffnung der kollektiven Sauforgie Thema Nummer eins in Deutschland. Sogar in der NP wurde Anfang der Woche der "Wies´n-Look" propagiert und Tipps zur Anschaffung der passenden Tracht gegeben. Die Herren-Ausrüstung wurde dabei mit etwa 500 Euro veranschlagt, bei den Damen bewegte sich die Dirndl-Montur zwischen 130 und 150 Öre - allerdings gab es auch die Schnäppchenvariante aus dem Second-Hand-Laden für 9,86. So günstig, da musste ja etwas nicht stimmen, und siehe da, das weibliche Modell posierte barfuß vor der Kamera! Das muss man sich mal vorstellen: barfuß auf der Theresienwiese, dort, wo doch unausgesprochene Stahlkappenpflicht herrscht.

Auch der Discounter LIDL setzt diese Woche voll auf´s Oktoberfest und bietet alles (nicht) Erdenkliche zum Einkauf an: Oktoberfestbier, Maßkrüge, blau-weiße Platzdeckchen, blau-weiße Pappbecher, blau-weiße Partyteller, blau-weiße Papier-Servietten und natürlich 10 Meter blau-weißes Papier-Tischtuch. Dazu gibt es das 5-Liter-Fass Weizen..., pardon, "Hefe-Weiß-Bier", Oktoberfest-Teller im 2er-Set, das 2-teilige Löwenkopf-Terrinen-Set (eine Suppen- und eine Senf-Terrine!), sechs Schnapsgläser sowie die Original Oktoberfest-Kabanos. Das alles wird nur noch getoppt von den absoluten "Must-Haves", nämlich Oktoberfesthüten aus grauem Filz mit stilisierter Bierschaumkrone und eine Bayern-Flagge aus wetterfestem Polyester, "hissfertig" (sic!) ausgestattet. Kein Wunder, dass sich unlängst sogar das konservative Schnarchblatt "Die Welt" in diesem Zusammenhang in den Bereich politisch-unkorrekter Vergleiche zu bewegen genötigt schien, als es die "Wies´n" als "Hitler unter den Volksfesten" bezeichnete: "Weltberühmt und gehasst".

Doch gemach, schließlich fanden die "Roten Berliner" bei der letzten Visite auch ein gewisses schauriges Vergnügen an traditionellen Lokalitäten wie Hofbräuhaus und Augustiner. In den "Genuss" des Oktoberfests wird die Abordnung ohnehin kaum kommen, da nach Insider-Infos gerade zum Auftakt die Veranstaltung total überfüllt ist und es Plätze etwa bis spätestens 14 Uhr gibt - und ohne Platz kein Bier, heißt eine alte "Wies´n"-Regel, die einem das ganze schnell leidig machen kann. Den einen oder anderen Gerstensaft wird es aber auch anderswo zu trinken geben - ein Besuch im Biergarten muss natürlich ebenso sein wie, nicht zu vergessen, vielleicht auch mal in einer moderneren Kneipe, oder gar in einer Bar? Uiuiui...auf jeden Fall lautet der gute Vorsatz, nicht wieder auf die Bedienungen hereinzufallen, die einem auf die Bestellung eines Weißbiers ungeregt entgegnen: "Ein Helles?", und der treudoofe Norddeutsche mit "Ja" antwortet, dann aber kein helles Hefe, sondern ein helles bayrisches Bier bekommt, welches einem beinahe einen ähnlichen Schädel zu verpassen im Stande ist wie "Engelhardt Charlottenburger Pilsner" - und das will was heißen. Na ja, in jedem Fall kommt es natürlich auch auf das Quantum an...

Der BOSS sowie RIK und ROB, die bereits die letzte Visite absolvierten (die AXT muss dieses Mal leider passen), sind in jedem Fall froh, mit RUT diesmal auch eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts in ihren Reihen zu wissen. Sie wird den vier Herren als Ombudsfrau zum geeigneten Zeitpunkt vermitteln, wann vielleicht doch über ein Vereinsauschlussverfahren wegen frauendfeindlichen Verhaltens nachzudenken sei - vielleicht kann bei der Rückkehr an den Tatort sogar noch Licht ins Dunkel der Affäre um das Absingen des Liedes "Jedes Jahr ein Kind (bis es 96 sind)" im November 2004 gebracht werden (vgl. ROB´s Archiv, s. o.).

Nächste Woche dann die Fakten zum Ausflug - hoffentlich auch recht hübsch bebildert...